Reisebericht

Passau - Addis Abeba (Äthiopien)

27.09. - 27.12.99

Durch die Wüste

von Klaus Gabele

 

Am 27. September haben wir endlich unsere "große Reise" zusammen mit den Reisepartnern Renate + Horst Pritz in Passau begonnen. In der Nähe des österreichisch-deutschen Grenzübergangs Kiefersfelden stoßen Vroni + Rudi Voggenreiter zu uns. Damit ist unser Reise-Team mit 3 Fahrzeugen und 6 Personen komplett. Nach rd. 1850 km durch Österreich und über die nicht enden wollende Autostrada Italiens bringt uns eine Autofähre von Trapani (Sizilien) nach Tunesien. Mit dem Verlassen des Schiffes in Tunis betreten wir zum 7. Mal afrikanischen Boden. Die früher eher gefürchtete Zollabfertigung im Hafen von Tunis "La Goulette" verläuft dieses Mal erstaunlich professionell und entsprechend zügig.

In Tunesien gönnen wir uns lediglich 2 Übernachtungen. Wir erreichen deshalb bereits am 7. Oktober die tunesisch-libysche Grenze. Kurz vor der Grenze tauschen wir auf dem Schwarzmarkt DM 300 in Libysche Dinar. Am Straßenrand stehen reihenweise Geldhändler und winken mit libyschen Dinar-Bündeln. Offensichtlich wird der Devisen-Schwarzhandel von beiden Regierungen geduldet. Nach 2 Testverhandlungen stellen wir fest, daß über einen Tausch im Verhältnis 1:1 kein besserer Kurs verhandelbar ist. Um so erfreuter sind wir, als wir einen Händler finden, der bereit ist, unsere DM im Verhältnis 1:1,5 zu tauschen. Schnell ist der Handel perfekt und wir zählen zu Dritt Schein für Schein den erhaltenen Gegenwert in Libyschen Dinar. Zufrieden mit uns und dem guten Geschäft fahren wir weiter. Gottseidank besteht Renate hartnäckig nach ca. 500 m Weiterfahrt auf nochmaliges Nachzählen: Tatsächlich hat jedes Reise-Paar nur noch etwa die Hälfte der ursprünglich erhaltenen Geldscheine in der Tasche. Wir kehren sofort um und erwischen glücklicherweise noch die beiden Gauner an derselben Stelle. Wir machen den Tausch rückgängig und sind froh, nicht Opfer eines üblen Taschenspielertricks geworden zu sein.

Unkompliziert und schnell erledigen wir die tunesischen Ausreise-Formalitäten. Etwa 2 ˝ Stunden benötigen wir jedoch für die libysche Version der Grenzabfertigung: Einreisestempel im Reisepaß, offizieller Geldtausch, Kfz-Versicherung, libysches Carnet (eine Art Straßenbenutzungsgebühr) und libysche Kennzeichen sind in dieser Reihenfolge in verschiedenen Büros und Gebäuden erhältlich. Natürlich ist keines der Dienststellen äußerlich erkennbar, so daß es nur durch ständiges Fragen möglich ist, sich innerhalb dieser chaotischen Organisation zurechtzufinden. Die DM 540,--, welche uns die gesamte Prozedur kostet, buchen wir unter der Rubrik "Eintrittsgeld" und treten erleichtert die Weiterreise nach Sabrata an. Diese, direkt am Mittelmeer gelegene römisch-phönizische Ausgrabungsstätte, ist schön, erreicht aber bei weitem nicht die wesentlich großzügiger errichtete römische Anlage Palmyra in Syrien.

Nach soviel Kultur läßt uns nun der "Ruf der Wüste" nicht mehr los und wir starten mit dem Ziel Ghadames in Richtung Süden. Bis dorthin begleitet uns allerdings pottebene Landschaft auf langweilig, ermüdender Teerstraße. Der Ort liegt unmittelbar an der Grenze zu Algerien. Das Ziel unseres Interesses ist die Altstadt von Ghadames. Die Führung eines einheimischen, traditionell gekleideten älteren Herrn erlaubt uns einen Einblick in die moslemische Lebensweise einer Wüstenoase.

Nun fahren wir auf guter Teerstraße ca. 70 km zurück bis Dari. Auf die Benutzung einer Piste unmittelbar entlang der algerischen Grenze nach Ghat verzichten wir wegen der hohen Kosten für den zwingend vorgeschrieben Führer. In Dari endet für uns die Teerstraße, das Wüstenabenteuer beginnt. Etwa 690 km Wüste pur liegen bis Idri, unserem nächsten Etappenziel, vor uns. Die im Göttler-Reiseführer südlich verlaufende Piste bietet grandiose und abwechslungsreiche Wüstenlandschaften: Weitläufige, riesige Ebenen mit Tafelbergen und Bilderbuch-Dünen. Dabei bedeutet diese Route für uns den erstmaligen Geländeeinsatz mit unserem relativ großen und schweren Unimog (7 to). Obwohl wir bisher nur kleinere Geländewagen durch Afrika bewegt hatten, sind wir sehr zufrieden mit der wirklich extremen Geländegängigkeit unseres Fahrzeuges. Die Orientierung ist Dank GPS (Satteliten-Navigation) ein Kinderspiel, nur sporadisch übertragen wir den aktuellen Standort auf die Landkarte. Mit dem kleinen und verschlafenen Wüstenkaff Idri erreichen wir erneut eine Teerstraße. Zügig geht es weiter über Brak nach Sabha. Wegen eines zu hoch eingestellten Lagerspiels am Hinterachs-Differential des Iveco unserer Reisepartner Vroni u. Rudi verbringen wir einen Tag in der Iveco-Werkstatt der Provinz-Hauptstadt.

Ein unbedingtes Muß für Libyen-Reisende ist der Besuch der Mandara-Seen, die inmitten eines großen Sand-Dünengebietes gelegen, einem Naturwunder gleichen. Ebenfalls auf guter Teerstraße erreichen wir den kleinen Ort Germa. Ohne uns länger aufzuhalten suchen wir den leichteren der beiden Einstiege über eine lange, flach ansteigende Rampe eines Dünentales. Wir folgen den spärlich im Sand erkennbaren Spurenbündeln und dem Richtungspfeil unseres GPS-Gerätes. 5 bis 6 km vor dem ersten der insgesamt 5 Seen versperrt eine hohe und steile Düne unseren Weg. Trotz mehrfacher Versuche schaffen der Iveco und unser Unimog dieses Hindernis nicht. In der Hoffnung auf festeren Sand vertagen wir unsere Bemühungen wegen der hereinbrechenden Dunkelheit auf den nächsten Morgen. Mit dem Einsatz von Sandblechen und Horst´s Unimog als Schleppfahrzeug bezwingen wir den Dünenkamm tatsächlich. Bereits kurz darauf bereiten große Sandverwehungen mit grundlos tiefen Sandpassagen unserem Vorwärtsdrang ein Ende. Enttäuscht brechen wir die Aktion ab und suchen den Campingplatz "Africa Tours Libyia" in der Nähe von Germa. Kurz vorher treffen wir die Besatzung eines IFA-LKW und erfahren, daß wir die falsche Route zu den Seen gewählt hatten, bei einem Landrover-Wrack kurz nach der Sandrampe hätten wir links, statt rechts fahren müssen - Pech gehabt. Unsere Reisepartner kennen die Mandara-Seen bereits von einer früheren Libyen-Reise. Wir mieten uns deshalb für den nächsten Tag einen Guide samt 4x4-Toyota und brechen früh morgens zu den Seen auf. Teilweise verläuft die Fahrt dorthin über spektakulär steile Dünen. Nur mit vollem Leistungseinsatz des PS-starken Geländewagens sind die steilen Dünen-Auffahrten zu schaffen. Einem Sturzflug ähnlich geht es auf der windabgewandten Seite der Düne abwärts. Doch die wunderschön in das Sandmeer eingebetteten Seen entschädigen uns für den Nervenkitzel der abenteuerlichen Fahrt. Während der Rückfahrt zum Campingplatz bleibt der Toyota im Tiefsand eines Dünenkessels stecken. Mangels jeglicher Bergungshilfen schaufeln wir mit den Händen den Sand vor den Reifen weg. Letztlich rettet uns nur ein stark reduzierter Reifendruck aus der Falle. Doch das Abenteuer endet damit noch nicht. Etwa 8 km vor unserem Campingplatz bleibt das Auto plötzlich stehen, der Benzintank ist leer. Etwas verwirrt, barfuß und nur mit einer halbvollen Wasserflasche ausgerüstet macht sich unser Fahrer zu Fuß auf den Weg in Richtung Germa. Vorsichtshalber prüfe ich die 6 auf dem Fahrzeugdach befestigten Benzinkanister auf deren Inhalt. Leider Fehlanzeige, die Kanister dienen wohl eher einem zünftigen Outdoor-Image, als einer sinnvollen Sprit-Reserve. Evi und ich bleiben ohne Wasser beim Fahrzeug zurück. Nach 3 Stunden endlich hören wir ein Motorengeräusch. 20 Liter Benzin retten uns vor dem Verdursten und wir kommen wohlbehalten zu unseren Freunden und unserem Unimog zurück.

Eine Libyenreise ohne dem Wau en Naumus einen Besuch abzustatten ist undenkbar. Also setzen wir unserer Reise auf guter Teerstraße über Murzuq und Timsah zu dem als Weltwunder gepriesenen riesigen Krater inmitten der Wüste fort. Nach Timsah endet der Teer, die Einsamkeit der Sahara hat uns wieder. Kurz vor Wau el Kebir, einem Militärposten, liegt eine große Farm mit Gästehaus. Dort wird mittels eines Bewässerungsprojektes versucht, der Wüste fruchtbaren Boden abzugewinnen. Wir lassen die Farm zunächst links liegen und fahren direkt auf den Militärposten zu. Etwa auf halber Strecke dorthin stoppt uns ein Militär-Pickup und will uns zurück zu dem Bewässerungsprojekt schicken. Mit dem Wunsch, Diesel zu tanken, läßt man uns jedoch bis zur Tankstelle des Militärpostens weiterfahren. Wir tanken alle drei Fahrzeuge voll und müssen den Dieselkraftstoff nicht einmal bezahlen. In der Nähe liegt ein Flugplatz. Wozu dieser, vom Militär bewachte, mitten in lebensfeindlicher Wüste gelegene Airport dient, ist für uns nicht erkennbar. Mit etwas Unbehagen fahren wir auf Anweisung der Militärs zum Bewässerungsprojekt zurück. Dort angekommen füllen wir unsere Wassertanks auf. Dabei entdecken wir eine abgestellte Enduro mit Neu-Ulmer Kennzeichen. Nichts Gutes ahnend fragen wir nach, wo der Eigentümer sich aufhält und erfahren dabei, daß es sich um Michaels Freundin handelt, welche mit einem verletzten Handgelenk nach Tripolis zurückgeflogen ist. Mehr ist leider nicht zu erfahren. Michael ist der Sohn unseres Freundes Rainer Frieböse und war auf etwa derselben Route wie wir mit seiner Freundin in Richtung Kenya unterwegs. Wir hinterlassen eine kurze schriftliche Nachricht und setzen unseren Weg fort. Schon kurz nach dem Verlassen des "Projekts" erreichen wir eine Pistengabelung. Ohne einen Hinweis im Reisführer zu entdecken wählen wir die "Rechte" der beiden Möglichkeiten. Schon bald verlieren sich die bisher schwach erkennbaren Spuren und wir versuchen aufgrund der GPS-Koordinaten den richtigen Weg zu finden. Dabei geraten wir unbehaglich nahe an das Flugplatzgelände. Zur Krönung unseres Unglücks tauchen auch noch seltsame, im Sand steckende Gegenstände vor den Rädern unserer Fahrzeuge auf. Bei näherer Betrachtung entpuppen sich diese als Teile von Granaten, sogar komplette Sprengköpfe ragen aus dem Sand. Das hat uns gerade noch gefehlt - wir fahren wohl mitten durch den Schießübungsplatz des vorher erwähnten Militärpostens. Mit etwas Schweiß auf der Stirn finden wir zurück zum "Projekt" und fahren dieses Mal auf dem "richtigen" Weg in Richtung Wau en Namus weiter. Horst stellt sich vor, den Kraterrand noch an diesem Tag zu erreichen, um den Anblick während der Vollmondphase zu genießen. Leider bleibt es bei seinem Wunsch und wir müssen ca. 10 km vor Wau en Namus wegen der einbrechenden Dunkelheit einen weiteren Übernachtungsplatz suchen. Nach dem Frühstück des nächsten Morgens erreichen wir endlich den Kraterrand und sind von dem vor uns liegenden Naturschauspiel überwältigt. Man wähnt sich inmitten eines Teils der Schöpfungsgeschichte. In der Mitte des riesigen Kraters vulkanischen Ursprungs ragt ein weiterer Vulkankegel auf, der von drei kleineren Seen mit unterschiedlicher Färbung des Wassers umgeben ist. Kontrastreich zeichnen sich jegliche Art von Spuren in dem mit schwarzer Lavaasche bedeckten Wüstensand ab. Nach einer Wanderung zum Talboden des Kraters und der Besteigung des zentralen Vulkans setzen wir nachmittags, etwas erschöpft von der anstrengenden Wanderung, unsere Reise in nordöstlicher Richtung fort.

Knapp 700 km durch eine der trockensten und absolut menschenleeren Regionen dieser Erde trennen uns von Tazourbu, einer kleinen Oase im östlichen Libyen. Den ganzen Tag fahren wir durch diese von Menschen unbewohnte Wüste. Weite Strecken sind weder Spuren im Sand noch irgendeine Piste erkennbar. Die Orientierung übernimmt das mit entsprechende Koordinaten gefütterte GPS-Navigations-Gerät - eine kleines Wunder der Technik. Gegen Abend scheint uns ein größeres Feld mit Tamariskenhügeln einen geeigneten und idyllischen Übernachtungsplatz zu bieten. Bereits aus größerer Entfernung leuchtet etwas Weißes, zunächst für uns undefinierbar, zwischen den abgestorbenen Bäumen hindurch. Die Besatzungen eines Toyotas und eines Landrovers hatten dieselbe Wahl für einen Übernachtungsplatz getroffen. Dabei begegnen wir mit den Toyotafahrern der Familie Reiser, alte Bekannte von den verschieden Globetrottertreffen in Deutschland, in dieser Einöde. Nur der Zufall schafft ein derartiges, beinahe obskures Arrangement. Eine vereinbartes Treffen an diesem Ort wäre wahrscheinlich niemals zustande gekommen. Beim Lagerfeuer werden Reiseerfahrungen und auch sonstiger Ratsch ausgetauscht. Am nächsten Morgen folgen wir weiter dem unermüdlich in Richtung unseres Etappenzieles zeigenden Kompaßpfeiles unseres GPS. Die Landschaft ist abwechslungsreich schön. Dreimal wird die an sich harmonisch verlaufende Fahrt durch Einsanden unseres Unimogs in den teilweise sehr weichen Untergrund unterbrochen. Bei der jeweils notwendigen Schaufelarbeit wird immer deutlicher, daß uns langsam aber sicher die Wüste "reicht". Gegen Mittag des nächsten Tages taucht vor uns am Horizont ein seltsames Gebilde auf. Ein Blick durchs Fernglas identifiziert das Objekt als eine Ansammlung von Zelten und Fahrzeugen. Kurz darauf stoppt neben uns ein blauer Toyota-Pickup. Zwei Männer springen aus dem Auto und schenken uns 3 Fladen Brot, wollen uns fotografieren und zeigen stolz einen abgerichteten Jagdfalken, den wir natürlich ebenfalls in angemessener Positur fotografieren müssen. Die beiden freundlichen Libyer springen in ihr Auto und brausen davon. Somit klärt sich auch das Rätsel des Zeltlagers auf: Wohlhabende Libyer fahren zum Wochenende in die Einsamkeit der Wüste und frönen ihrem Lieblingssport, der Falkenjagd. Zwangsläufig taucht die Frage auf, was es wohl in der Wüste zu jagen gäbe. Richtig - es gibt nichts zu jagen, außer den selbst mitgebrachten Tauben, die von den Falken nur zum Spaß der Jagdgesellschaft getötet werden. Für uns der Ausdruck einer zur Dekadenz neigenden libyschen Oberschicht.

Tazourbu ist ein kleiner, geschäftiger Ort mit Tankstelle und bescheidenen Einkaufsmöglichkeiten, erstmals auf dieser Strecke treffen wir wieder Touristen. Sogar ein staatliches Touristenbüro zeugt vom Bestreben Libyens (Pauschal-) Touristen ins Land zu locken. Im Gespräch mit dem jungen Tourismusbeauftragten dieser Region äußert unser Reisepartner Rudi, etwas unvorsichtig, unseren Wunsch von Libyen in den Sudan auszureisen. Offiziell läßt Libyen die Ausreise über Kufra und Jebel Uwaynat in den Sudan für Nicht-Araber nicht zu. Gedanklich haben wir uns deshalb bereits mit einer illegalen Ausreise aus Libyen befaßt. Zu unser aller Erstaunen bietet der junge Mann uns einen Guide an, welcher uns an den offiziellen Grenzkontrollstellen vorbei in den Sudan bis zu einem auf der Michelinkarte nicht verzeichneten Ort Gala bringen könnte. Der Guide entpuppt sich als Polizist, der mit einem Dienst-Pickup sich wohl einen kleinen Nebenerwerb schaffen will. Von seiner unverschämten Forderung von 3000 US$ weicht er selbst nach Intervention eines anderen freundlichen Libyers nicht ab. Nachdem wir uns von unserer Verblüffung erholt haben lehnen wir freundlich aber bestimmt das Angebot ab und machen uns auf den Weg nach Kufra. Nach etwa 400 km erreichen wir die von der Küste Libyens kommende, direkt nach Kufra führende Teerstraße. Noch wissen wir nicht, daß diese fürchterliche Straße später unser Prädikat "Schlechteste Straße Afrikas" erhält. Glücklicherweise steuern wir nach Ankunft in Kufra zuerst die Tankstelle an um die Tanks mit Diesel aufzufüllen - notwendige Dinge soll man in Afrika sofort erledigen. Am nächsten Tag ist die Tankstelle "trocken"!

Unser Camp richten wir etwas außerhalb in der Nähe eines ausgetrockneten Sees ein. Den ganzen folgenden Tag sind wir mit Wäsche waschen, aufräumen und Fahrzeugwartung beschäftigt. Danach gilt es jedoch endlich die uns ständig begleitende Frage: "Können wir offiziell aus Libyen in Richtung Sudan ausreisen?", zu beantworten. Nach längerem Suchen finden wir die ohne irgendeinen Hinweis in einer Seitenstraße versteckte "Security-Police". Dort erhalten wir die formlose Erlaubnis für den Besuch des Jebel Awaynat, letzter Außenposten Libyens vor der sudanesischen Grenze. Unmißverständlich erklärt uns der Chef der Sicherheitspolizei, daß eine Ausreise in den Sudan unter keinen Umständen möglich ist. Gedrückter Stimmung und ohne ein Papier für die Erlaubnis den Inselberg Jebel Aywanat besuchen zu dürfen, verlassen wir die trist wirkende Amtsstube. Unser Erscheinen wird telefonisch oder per Fax dem Grenzposten gemeldet.

Bereits am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg in Richtung sudanesische Grenze. Die uns ständig begleitende Frage "Wie kommen wir in den Sudan?" zerrt zunehmend an unseren Nerven. Also folgen wir zunächst der im Reiseführer Libyen von Göttler beschriebenen Route. Die dazugehörenden GPS-Koordinaten sind programmiert, so daß die Orientierung trotz nur schwach erkennbarer Spuren kein Problem bedeutet. Unverhofft treffen wir auf ein deutlich sichtbares Spurenbündel, offensichtlich von zwillingsbereiften, dreiachsigen LKW´s verursacht. Etwas skeptisch folgen wir dieser Piste, die deutlich südlicher als die offizielle Route zum Jebel Aywanat verläuft. Bald schon läßt sich unschwer erkennen, daß uns dieser Weg mit einem Abstand von etwa 100 km um den Grenzposten am Awaynat herumführen wird. Nach einem kurzen Meeting aller 3 Fahrzeugbesatzungen kommen wir zu dem Schluß, daß wir uns auf einer Schmugglerroute befinden. Hier werden Waren von Libyen in den Sudan und Arbeitskräfte vom Sudan nach Libyen ohne lästige Grenzformalitäten befördert. Allerdings dürfte es kaum möglich sein, daß diese Piste von den Grenzbehörden beider Staaten noch nicht entdeckt wurde. Wahrscheinlich läßt eine bilaterale Toleranz der beiden Regierungen die Geschäfte mehr oder weniger im Verborgenen blühen. Ohne weitere Diskussion entschließen wir uns in diesem Moment für die illegale Ausreise aus Libyen. Sollten wir einer libyschen Grenzpatrouille begegnen, wollten wir - zugegeben etwas naiv - behaupten, wir hätten uns verfahren. Die Piste verläßt in einer großen, weichen Sandebene die südliche Hauptrichtung und schwenkt nach Osten auf ein Dünengebiet zu. Der Dünenzug besteht aus drei Ketten von Dünen, die es zu überqueren gilt. Erstaunt darüber, daß diese Passage von nicht allradgetriebenen, bis aufs äußerste überladene LKW, gemeistert wird, tauchen wir in den Sichtschutz dieses Sandgebirges ein. Die Piste verläuft zwischen den einzelnen Dünenketten bis auf die jeweiligen Querpassagen in Dünentälern mit relativ festem Sand. Besorgt registriere ich im Weichsand vor den Steilauffahrten liegengelassene Fahrzeugteile. Sicherlich nach Reparaturarbeiten achtlos weggeworfenen Ersatzteile. Plötzlich erscheint mir die Schräglage unseres Unimog größer zu sein als bisher. Ich beuge mich aus dem Fenster und sehe nach hinten. Richtig - der linke hintere Reifen ist platt. Auch das noch! Ausgerechnet in der Phase einer gesetzwidrigen Aktion! Doch es hilft nichts. Ich halte an um den Schaden zu begutachten: Der Reifen ist von der Felge gesprungen, der Schlauch total zerfetzt. Es dauert eine Weile, bis unsere vorausfahrenden Reisepartner unser Fehlen bemerkten. Das Risiko, ohne intaktes Reserverad weiterzufahren, ist mir zu hoch. Wir beschließen deshalb, den Reifen vor Ort zu reparieren. Die Reifendecke wurde an zwei stellen von einem scharfen Gegenstand durchschnitten. Eine Reparatur mit Remolon-Pflastern von der Innenseite aus und ein neuer Schlauch machen den Reifen wieder benutzbar. Die letzten Aufräumarbeiten finden bereits bei einbrechender Dunkelheit statt und wir schlagen unser Lager an Ort und Stelle etwas abseits der Piste auf, um früh am nächsten Morgen weiterzufahren. Magisches Tagesziel ist der 25. Längengrad, welcher gleichzeitig die, einst von den Kolonialmächten mit dem Lineal gezogene, Grenzlinie zum Sudan darstellt. Die Sonne steht schon ziemlich tief als wir die Grenze überqueren. In dem weiten, sandigen Gelände der Sahara existieren natürlich keinerlei Grenzmarkierungen, doch mit Hilfe unserer GPS-Empfänger erkennen wir sehr genau den Zeitpunkt des Grenzübertritts. Bis zum Einbruch der Dunkelheit sind wir etwa 25 km von der Grenze entfernt auf sudanesischem Hoheitsgebiet und richten uns für Nacht ein. Die Erleichterung steht allen ins Gesicht geschrieben. Renate opfert ihren letzten Rotwein um das Ereignis gebührend zu feiern. Nachdem die Dunkelheit vollständig hereingebrochen ist entdecken wir erschrocken Lichter in östlicher Richtung. Direkt auf uns zu haltende Fahrzeuge? Eine libysche Grenzpatrouille? Wir hörten, daß die Libyer häufiger ihre Patrouillenfahrten auf sudanesisches Gebiet ausdehnen. Das hätte uns gerade noch gefehlt! Bald stellt sich jedoch heraus, daß die Lichtquellen ihre Position nicht verändern. Es muß sich also um den sudanesischen Grenzort Karabatum handeln, den wir am nächsten Morgen nach ca. 40 km erreichen.

Wie alle Außenposten in Afrika gleicht Karabatum weniger einer Ortschaft als einem Militärlager, das aus wenigen Baracken und einigen armseligen Hütten besteht. Offensichtlich wenig an europäische Touristen gewöhnt, werden wir mit großem Hallo sehr freundlich empfangen. Trotzdem ist die bürokratische Prozedur bei der Immigration, Polizei und Zoll wie üblich recht zeitaufwendig. Für die Erledigung aller Einreiseformalitäten, Wasser und Diesel tanken sowie das posieren für mehrere Fotos zusammen mit den Grenzbeamten benötigen wir ca. 3 Stunden. Immerhin bedeuten wir für die Menschen hier eine willkommene Abwechslung.

950 km Wüste pur trennen uns vom nächsten Etappenziel Dongola. Dongola ist die Hauptstadt der Nordprovinz des Sudan und liegt direkt am Nil. Für diesen Streckenabschnitt besitzen wir weder eine Routenbeschreibung noch detailliertes Kartenmaterial. So begnügen wir uns mit der Michelin-Karte Nr. 954, ermitteln daraus die Koordinaten von Dongola und füttern damit unsere GPS-Computer. Laut Michelin-Karte müssen wir im letzten Drittel der Strecke ein Dünengebiet, mit quer zu unserer Fahrtrichtung verlaufenden Dünenriegeln, queren. Wie schon an anderer Stelle erwähnt ist unser Unimog wegen seiner hohen Last auf der Hinterachse kein Freund von weichsandigen Dünen. Außerdem zeigt die Wassertemperatur bei derartiger Schwerarbeit bedenklich hohe Werte an. Doch vorerst bringt uns eine gut erkennbare Piste unserem Ziel zügig näher. Allerdings begehen wir den Fehler, bei einem deutlich erkennbaren Abzweig die falsche Richtung zu wählen. Unseren Irrtum bemerken wir erst 120 km später, als wir einen LKW-Fahrer befragen. 120 km zurück zu der Pistengabelung. Das macht zusammen 240 km, also einen ganzen Fahrtag aus. Der richtige Abzweig mündet unmittelbar in ein Weichsandfeld. Die Spuren werden schneller vom Wind zu geweht. Deshalb hatten wir diese Piste als die weniger befahrene identifiziert. Die Route führt uns durch abwechslungsreiche, interessante Wüstenlandschaften, aber auch fahrtechnisch anspruchsvoll und anstrengend. Langsam stellt sich bei allen Reiseteilnehmern trotz Wüstenbegeisterung eine gewisse Sättigung des Wüstentraums ein.

Am 10.11.99 erreichen wir Dongola und somit den Nil, einen der größten und sagenumwobensten Ströme des afrikanischen Kontinents. Mit Entsetzen sehen wir, daß ein Großteil der aus Lehmziegeln gebauten Häuser völlig zerstört sind und Zelte als Notunterkünfte bereitgestellt wurden. Überall sind die Menschen damit beschäftigt Schutt beiseite zu räumen und neue Häuser zu bauen. So stellen wir uns die Situation nach einem Erdbeben vor. Später erfahren wir jedoch, daß vor einem Monat der Nil über die Ufer getreten war und für die Zerstörungen verantwortlich ist. Nach längerem Suchen finden wir eine Polizeistation um uns ordnungsgemäß anzumelden. Die zivil gekleideten Beamten, deren Dienstgebäude äußerlich nicht gekennzeichnet ist, wissen nicht viel mit uns anzufangen und schicken uns nach dem Eintrag aller Paßdaten in ein dickes Buch zum Zoll. Dort erscheinen wir gegen 16 Uhr, der diensthabende Offizier öffnet das Tor und weist uns einen Stellplatz auf dem großen Zollhof zu. Es ist bereits Dienstschluß, die zolltechnische Abfertigung kann erst am nächsten Tag erfolgen. Naja, zumindest haben wir einen, zwar wenig romantischen, aber sicheren Übernachtungsplatz. Es dauert nicht allzu lange und es tauchen mehrere in weiße Kaftans gekleidete Herren auf und lassen sich unsere Papiere vorlegen. Hartnäckig wird immer wieder nach einem "Yellow book" gefragt. Gemeint ist das "Carnet des passages", ein in vielen Ländern benötigtes Zollgrenzdokument für das Fahrzeug. Der Sudan ist allerdings nicht Mitglied des Carnet-Verbandes, deshalb behaupten wir ebenso härtnäckig, ein solch ominöses Dokument weder zu kennen noch zu besitzen. Die weißgekleideten Herren, die ihren wohlverdienten Feierabend wegen uns unterbrechen mußten scheinen tatsächlich Zollbeamte zu sein. Jedenfalls wünscht ein weiterer Herr, für jedes Fahrzeug eine "Road fee" in Höhe von jeweils 40 US$ zu kassieren. Auf unsere Frage nach einer Quittung vertröstet man uns auf den folgenden Tag. Ein weiterer Beamter verlangt von jedem Reisepaar eine detaillierte Devisenerklärung. Weil niemand von uns versessen darauf ist, seine tatsächlichen Finanzverhältnisse gegenüber diesen "Geiern" offenzulegen, kommen wir bei der Geldzählerei ganz schön ins Schwitzen. Nachdem diese Hürde nun auch überwunden ist, vertröstet man uns freundschaftlich für die restliche Zollabfertigung nun doch auf den nächsten Tag. Dieser Tag beschert uns nicht nur ordnungsgemäß in Uniformen gekleidete Zöllner, sondern auch eine große Anzahl auszufüllender Formulare und weiterer, für uns nicht nachvollziehbarer Erklärungen. Bis wir endlich alle notwendigen Stempel und sogar eine Quittung für die 40 US$ haben, verstreicht fast der gesamte Vormittag und wir können erleichtert um ca. 11 Uhr den Zollhof verlassen. Bisher hatten wir noch keine Gelegenheit Geld bei einer sudanesischen Bank zu tauschen und infolgedessen auch keine Vorstellung über den Wert der Währung gegenüber dem Dollar. Erst später erfahren wir deshalb, daß die in sudanesischen Dinar ausgestellte Quittung für die Straßengebühr lediglich einen Gegenwert von 29 $ darstellt. Den Differenzbetrag scheint der nicht als Zollbeamter Gekleidete wohl als seinen "Gewinn" zu betrachten. Erst jetzt suchen wir das Gebäude der Immigration auf und erhalten dort wiederum nach dem Ausfüllen eines Formulars die ersehnten Einreisestempel in unsere Reisepässe. Wir sind also offiziell und legal im Sudan eingereist. Der fehlende Ausreisestempel von Libyen wurde von keinem der Beamten beanstandet. Nach einem kurzen, wenig interessanten Besuch des Nilufers in Dongola fahren wir in südöstlicher Richtung entlang des in diesem Bereich recht schmalen und wenig befahrenen Stromes nach Khartoum weiter.

Wir folgen dem Lauf des Nils flußaufwärts in südöstlicher Richtung. Die Piste ist gut befahrbar und wird häufig von Dörfern gesäumt die allesamt im sudanesischen Baustil errichtet und in zarten Pastelltönen, meist weiß, lila und rötlich getüncht sind. Nach etwa 200 km schwenkt das Flußbett des Nils nach Nordosten. An dieser Stelle verlassen wir den Strom und fahren in südlicher Richtung erneut durch die Wüstenlandschaft der Sahara der Hauptstadt des Sudan entgegen. Bereits nach einem Fahrtag stoßen wir auf eine neu gebaute Teerstraße. Wir sind hocherfreut, nach ca. 5000 km Wüste wieder an den komfortablen Errungenschaften der Zivilisation teilzuhaben. Schon am frühen Vormittag des nächsten Tages erreichen wir die sudanesische Metropole, die am Zusammenfluß des Blauen und des Weißen Nils gelegen, mit den Stadtteilen Ondurman und Karthoum North die Hauptstand des Landes bildet. Der erste Eindruck wird durch slum-ähnliche Behausungen geprägt. Auf einer schmalen Teerstraße drängen sich Kraftfahrzeuge aller Größenordnungen, Eselskarren und Fahrräder durch die Menschenmassen in Richtung Stadtzentrum. Rechts und links der Straße das afrikatypische Bild: Zuerst säumen Auto-, Fahrrad- und alle möglichen Werkstätten die Straße, dann folgen die Metzger und Fleischverkäufer und darauf der Gemüsemarkt. In Khartoum North angekommen, führen uns Vroni und Rudi, die schon vor 5 Jahren einmal hier waren, direkt an den Blauen Nil zum "Blue Nile Sailing Club". Für 10 $ pro Nacht und Fahrzeug schlagen wir unser Camp mit Aussicht auf den Blauen Nil auf. Schon am nächsten Tag macht uns ein freundlicher Sudanese, dem wir von unserer Absicht nach Äthiopien weiterzureisen erzählen, auf die Notwendigkeit eines Permits für die Strecke Khartoum - Galabat (Grenzort zu Äthiopien) aufmerksam. Mit der Jagd nach diesem Papier beginnt für uns ein beispielloser Hürdenlauf von Behörde zu Behörde. Nach insgesamt 5 Tagen, 5 Paßfotos pro Person, einer Unmenge von Reisepass-Kopien, der Konsultation der Einwanderungsbehörde, Ausländer-Polizei und der Sicherheitspolizei halten wir stolz, aber erschöpft das erstrebenswerte Papier in unseren Händen. Stop! Es fehlt noch die Zustimmung des Militärs. Diese dürfen wir aber nicht persönlich einholen. Also nochmals zur Sicherheitspolizei, die einen Mittelsmann mit unseren Papieren zur Militärverwaltung schickt. Dieser 2 Tage für uns unsichtbare Mann schafft es schließlich, die mit Militärstempel und Unterschrift versehenen Dokumente bei der Sicherheitspolizei abzuliefern. Mit dem Ganzen nochmals zur Ausländerpolizei, die uns eine weitere Gebühr abknöpft sind wir nun endlich stolze Inhaber einer Fahrgenehmigung zur äthiopischen Grenze. Ohne die Hilfe eines jungen Taxifahrers und seiner Kenntnisse der arabischen Sprache, der uns an allen 5 Tagen von einer Dienststelle zur anderen chauffierte, wären wir, so glaube ich, nicht in den Besitz dieses Papiers gekommen.

Ein Besuch beim Sudanesich-Deutschen Club in Karthum genießen wir ein gutes Essen und die Bekanntschaft von Karin und Manuel, die mit ihrem blauen Toyota BJ 45, ohne daß wir uns bisher begegneten, dieselbe Reiseroute von Deutschland bis hier benutzten. Die beiden besuchen uns im Blue Nile Sailing Club und wir verbringen zusammen einen netten Abend mit viel Gesprächsstoff. Am nächsten Morgen besichtigen wir noch den sehr schönen, wirklich original orientalischen Souk von Ondurman. Doch dann ist es Zeit, den trotz der Behördenlauferei angenehmen Aufenthalt in Khartoum zu beenden und wir brechen in Richtung Gedaref auf. Vorsorglich haben wir von dem umständlich erworbenen Permit jeweils 5 Kopien anfertigen lassen, um bei verschieden Straßenkontrollen nicht das Original-Dokument aus den Händen geben zu müssen. Das hätte unweigerlich eine Neuauflage unseres Behörden-Hürdenlaufs zur Folge gehabt.

Rechts und links der gut ausgebauten Teerstraße begleiten uns riesige, landwirtschaftlich genutzte Flächen. Wir haben also die Wüste endgültig hinter uns gelassen. Bis Gedaref säumen immer wieder traditionelle, ordentlich ausschauende Rundhütten-Dörfer unseren Weg. Die Ortseinfahrt von Gedaref wird durch eine Tankstelle und einem Checkpoint markiert. Zunächst wollen wir unsere Dieseltanks füllen. Das mißfällt jedoch den Hütern von Recht und Ordnung und es entbrennt eine lebhafte Diskussion unter den zivil gekleideten Beamten, wer nun zuerst unsere Reisepässe kontrollieren darf. Wir überlassen den Streit jenen, welche dafür bezahlt werden und warten geduldig bis die übliche Abfertigungsprozedur erledigt ist. Anschließend nehmen wir sofort den letzten Streckabschnitt bis zur äthiopischen Grenze in Angriff. Nach einigem Suchen finden wir den Einstieg zu der Piste. Horst fährt mit seinem Unimog voraus und übersieht den unscheinbaren am Ortsausgang plazierten Kontrollposten. Im letzten Moment entdecken wir das kleine Häuschen der Beamten und einen im Staub der Piste liegenden Strick quer über der Straße. Wir entschuldigen uns höflich für unser Mißgeschick, was Horst und Renate allerdings nicht die Umkehr erspart. Die folgende, ungeteerte Piste läßt sich zunächst ganz gut befahren, wird aber zunehmend schlechter und artet nach ca. einem Drittel zu einem Alptraum aus. Für die Versorgung der an dieser Route liegenden Dörfer werden hauptsächlich Traktoren und uralte, englische Bedford-Lkw`s eingesetzt. Beide haben zwar keinen Allrad-Antrieb, dafür aber riesige Räder auf der Hinterachse, welche für extrem tiefe Spuren und das nötige Antriebs-Drehmoment sorgen. Die von der letzten Regenzeit übriggeblieben tiefen Spuren bereiten den Unimogs relativ wenig Probleme, für Rudi`s Iveco mit seinen 16"-Rädern bedeutet die Strecke ein Tanz zwischen tief in den weichen Untergrund gegrabene Reifenspuren. Für unseren, mit 3.40 m sehr hohen Unimog sind schräge Steilauf- und -abfahrten das größere Problem. Schließlich schaffen wir auch diese Hindernisse und erreichen etwas genervt den sudanesischen Grenzort Gallabat. Die Grenze zwischen Sudan und Äthiopien wird durch den Fluß Atbara markiert, der glücklicherweise im Moment sehr wenig Wasser führt. Nach den erstaunlicherweise zügig erledigten Ausreiseformalitäten treffen sich in der Mitte des Flüßchens jeweils ein sudanesischer und ein äthiopischer Zollbeamter für die direkte Übergabe unserer Reisepässe. Einen zwingenden Grund für diese eigentümliche Vorgehensweise ist für uns nicht erkennbar. Bevor wir jedoch äthiopischen Boden betreten können, gilt es, das Flüßchen auf einer teilweise abgebrochenen, betonierten Furt zu überqueren. Die Überreste dieser Furt sind für unsere großen Fahrzeuge äußerst schmal. Das rechte Hinterrad droht über die Abbruchkante zu rutschen und nur beherztes Gas geben rettet uns vor einem größeren Fahrzeugschaden. Jetzt noch die steile, unbefestigte Uferböschung überwunden und wir stehen vor den äthiopischen Zollbeamten. Mehrere, teils uniformierte, teils zivil gekleidete oder gemischt gekleidete Männer begehren unsere Fahrzeuge von innen zu sehen. Ganz offensichtlich ist man es nicht gewohnt, mit Individual-Touristen umzugehen. So werden wir bald mit vielen Willkommensgrüßen ausgestattet und mit dem Hinweis auf die Erledigung der Einreiseformalitäten in der nächsten, ca. 40 km entfernten, Ortschaft in das uns bisher unbekannte Äthiopien entlassen.

" Yu, Yu, Yu! Welcome in Ethiopia! What´s your name? Where are you go?" schallt es uns von rechts und links des Weges entgegen. Wir fahren durch das endlos erscheinende Straßendorf unmittelbar nach der Grenze. Das Leben spielt sich unmittelbar auf dieser "Straße" ab, beinahe fahren wir über Kochtöpfe oder sonstigen Hausrat. Die Menschen leben in erbärmlichen Hütten und scheinen ihr Leben ausschließlich in Armut zu fristen. Um so mehr erstaunt uns das herzliche Lachen dieser Menschen, das uns überall, wo wir mit unseren komischen Fahrzeugen auftauchen, entgegen schallt. So gut es geht beantworten wir zunächst noch die Fragen nach unseren Namen und Reisezielen und setzen unsere Reise nach Südosten in Richtung Gondar fort. Die Piste - Teerstraßen gibt es in dieser Region nicht - ist nicht schlecht aber auch nicht gut und wird häufig von kleinen oder größeren Flußdurchfahrten unterbrochen, welche meistens per Furt, selten aber über intakte Brücken bezwungen werden müssen. Apropos Brücken, die meisten sind nicht befahrbar, wahrscheinlich eine Folge des erst 1990/91 zu Ende gegangenen Bürgerkrieges. Einer der größeren Flüsse erscheint uns sehr geeignet für einen Großwaschtag und unsere Frauen nutzen die Gelegenheit, Wäsche zu waschen. Wir Männer hingegen frönen eher dem Müßiggang oder widmen uns der Fotografie zahlreich vorhandener, exotischer Vögel. Besonders die farbenprächtigen "Bee eater (Bienenfresser)" und ein "Giant Kingfisher (Riesen-Eisvogel)" erwecken unsere fotografische Jagdleidenschaft.

Gondar ist die Hauptstadt des Nordost-Distriktes. Wir erreichen den Ort am übernächsten Tag und finden im Hof des Hotels "Terara" für 60 Birr pro Fahrzeug und Nacht einen guten Stellplatz. Den folgenden Ruhetag verbringen wir mit Wartungsarbeiten an den Fahrzeugen und einer Stadtbesichtigung. Die Stadt selbst "gibt nicht viel her". Bedrückend ist der hohe Anteil armer, bettelnder Menschen. Eine Straße soll instandgesetzt werden. Der größte Teil der Arbeiter ist damit beschäftigt, große Felsbrocken mittels eines Hammers zu etwa hühnereigroßem Kies zu verarbeiten - eine mühevolle, äußerst anstrengende Sklavenarbeit.

Für das nächste Etappenziel - Bahir Dar am Lake Tana - haben wir eine Fahrzeit von einem Tag veranschlagt. Bereits kurz nach Gondar, während eines Routinestops, steht Horst vor unserem Unimog, zeigt auf die Motorhaube und bemerkt mit bayrischer Ruhe und Sachlichkeit: "Du hast ein Problem!" Tatsächlich, eine grünliche Flüssigkeit tropft auf die Straße. Kühlwasser! Das hat uns gerade noch gefehlt. Der Wasserkasten des Kühlers hat ein Leck. Alles lamentieren hilft nichts, für eine notdürftige Reparatur muß das Kühlwasser abgelassen und das Leck mit "Kaltmetall" abgedichtet werden. Wie so häufig klaffen Zielvorstellung und Realität weit auseinander. Aus einem Fahrtag wurden eben zwei. Bahir Dar ist ein hübsches Städtchen und liegt am südlichen Ende des Tana-Sees. Rudi, der diesen Ort von einer früheren Reise her kennt, führt uns zum Tana-Hotel, wo wir nahe des Sees einen Stellplatz - nicht ganz billig - im Garten finden. Für uns heißt das, Kühlerwasser ablassen, Kühler ausbauen und eine geeignete Reparaturwerkstatt suchen. Diese ist auch bald gefunden und der Wasserkasten des Kühlers kann dort für umgerechnet DM 30 großflächig gelötet werden. Wieder bester Laune montiere ich den Kühler wieder am Unimog und wir starten am nächsten Tag zu einer Besichtigung der nahegelegenen Blue Nile Falls. Die Nacht verbringen wir auf einem Parkplatz. Gegen 9 Uhr des nächsten Tages führt uns ein Guide zu den Wasserfällen. Auf einer Breite von etwa 300 m stürzt der Blaue Nil ca. 30 m in die Tiefe. Das Sonnenlicht bricht sich in der Gischt, es entsteht ein wunderschöner und sehr fotogener Regenbogen.

Weiter geht´s in Richtung Addis Abeba. Auf fürchterlicher Piste erreichen wir kurz nach dem kleinen Ort Dejem einen gigantischen Geländeeinschnitt. Der Blaue Nil, von den Äthiopiern auch Abay genannt, hat einen tiefen Canyon in die Landschaft des Rift Valleys (Großer afrikanischer Grabenbruch) gegraben. Auf einer ursprünglich geteerten Straße (Teer ist in Fragmenten noch erkennbar) schrauben wir uns und die Fahrzeuge 1000 m in die Tiefe und queren den an dieser Stelle recht unscheinbar wirkenden Blauen Nil auf einer vom Militär bewachten Brücke. Wiederum haben wir einen Höhenunterschied von 1000 m von der Talsohle bis zum Canyonrand zu bewältigen. Unser Vorwärtsdrang wird durch einen umgestürzten LKW-Anhänger, der die gesamte Piste blockiert, gestoppt. Nach 1stündiger Wartezeit setzen wir unsere Fahrt fort. Eine zusätzliche Übernachtung im Hof eines einfachen Hotels wird notwendig. Doch dann erreichen wir unser erstes, großes Reiseziel - Addis Abeba. Mein Blick fällt auf den Tachometer unseres Unimogs: 170 769 km. Ziemlich genau 10 000 km haben wir seit unserem Start in Passau zurückgelegt. Wir schreiben den 7. Dezember 1999. Doch für sentimentale Gedanken bleibt keine Zeit. Ohne weitere Umschweife suchen wir die Mercedes-Werkstatt auf. Hier sollen die beiden Unimogs einen längst fälligen Service mit Öl-, Filterwechsel und Abschmierdienst bekommen. Außerdem ist eine weitere Reparatur unseres Kühlers fällig. Das mit Lötzinn abgedichtete Leck ist erneut undicht geworden. Was ich hier noch nicht wußte, ist, daß uns dieses Problem noch bis Nairobi verfolgen wird.